Cattenom

Bei den ständig neuen Überflügen von französischen Atommeilern durch unbekannte „Drohnen“ gehen uns langsam die Überschriften aus

 

Das Atomkraftwerk von Cattenom – 12 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Foto: Stefan Kühn / Wikipedia

Von Robert Fleischer

Arbeitet man bei der Mordkommission, ist die wichtigste Frage immer die nach dem Motiv. Das Motiv gibt Aufschluss über die Beweggründe eines Mordes, liefert Anhaltspunkte für mögliche Verdächtige, bringt die Ermittler auf die richtige Spur. Auch bei anderen Delikten ist das Motiv der zentrale Schlüssel, der zum Täter führt. Im Falle der seit Anfang Oktober anhaltenden unerlaubten Überflüge französischer Atomkraftwerke durch unbekannte „Drohnen“ erweist sich die Frage nach dem Motiv bislang jedoch immer mehr als eine Sackgasse.

Zum zweiten Mal innerhalb eines Monats wurde der Kernreaktor von Cattenom (Moselle) von einem „mit einer Drohne vergleichbaren Fluggerät“ überflogen, meldet AFP. Der verbotene Überflug des unbekannten Objekts hätte in der Nacht vom 10. auf den 11. November stattgefunden  (Pressemitteilung EDF), und zwar gegen 23:30 Uhr. Die für den Schutz der Anlage verantwortliche Gendarmerie-Sondereinheit sei unverzüglich mobilisiert worden. Etwa 100 Militärs seien auf dem Gelände des Kernkraftwerks sowie im Umkreis von 20 Kilometern mobilisiert worden – das entspricht in etwa dem maximalen Flugradius eines Kopters. Fast die gesamte Nacht über hätten die Gendarmen Verkehrskontrollen durchgeführt, um den mutmaßlichen Piloten zu finden – doch die Suche blieb erfolglos. (Quelle: Le Républicain Lorrain)

Wie am Samstag bekannt wurde, erhielt auch der Atommeiler Bugey (Ain) wieder Besuch – zum vierten Mal – am vergangenen Donnerstag, dem 6. November. Der Kraftwerksbetreiber erstattete am Samstag erneut Anzeige gegen Unbekannt, heißt es in einer recht versteckten Pressemitteilung auf der Webseite von EDF.

Damit ist das Kraftwerk Bugey wohl das interessanteste Zielobjekt für die seltsamen Flugobjekte.

Die große Frage ist nur: Wo ist das Motiv?

Wer hätte – und warum – ein Interesse daran, Atomkraftwerke mehrfach unerlaubt zu überfliegen?

– Einzelne Amateurflieger, die Aufsehen erregen wollen?

Nein. Die Tatsache, dass zum Teil fünf AKWs gleichzeitig überflogen wurden, lässt eher an eine konzertierte, großangelegte und kostspielige Aktion denken.

– Umweltschützer, die auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam machen wollen?

Nein. Die in Frage kommenden Organisationen Greenpeace und „Sortir du Nucléaire“ haben jede Beteiligung abgewiesen und äußern sich ihrerseits ebenfalls besorgt.

– Terroristen?

Nein. Diese wären wohl schon beim ersten Flug zur Tat geschritten, glaubt die Gendarmerie.

– Eine unbekannte fremde Macht, die die AKWs ausspionieren will, um potenzielle Schwachpunkte auszumachen?

Nein. Die dazu benötigten Informationen sind bereits hinlänglich öffentlich. Zudem wären dafür wohl kaum vier Überflüge desselben Atommeilers nötig. Auch die Tatsache, dass die Flugkörper beleuchtet waren, passt nicht recht zur Aufgabe der möglichst unbemerkt operierenden Spionagedrohnen.

Hm.

Die seltsamen Überflüge scheinen einfach nicht ins Raster zu passen. Ermittler der Luftwaffe und der Gendarmerie tappen im Dunkeln. Bislang sind der Öffentlichkeit nicht einmal genauere Angaben zur Erscheinungsform dieser Drohnen bekannt. Die wenigen Beschreibungen, die bekannt wurden, weisen auf mehrere Größen hin, von mehreren zehn Zentimetern bis hin zu zwei Metern. In einem Fall soll eine Drohne einen „Scheinwerfer“ an Bord gehabt haben (wir berichteten). In einem anderen Fall hätte der Überflug rekordverdächtige 45 Minuten gedauert, erklärte der Greenpeace-Pressesprecher im Nouvel Observateur.

Quadrokopter gesichtet?

Nur in einem einzigen Fall gelangten Informationen an die Öffentlichkeit, die tatsächlich auf einen Quadrokopter hinzuweisen scheinen. Als am 30. Oktober das Atomkraftwerk von Golfech überflogen wurde, beschrieben zwei Gendarmen das Objekt wie folgt: „Es ist eine professionelle Drohne mit vier Propellern“. Der Quadrokopter hätte das Wasserkraftwerk und den Abwasserkanal der Anlage überflogen. Die Gendarmen hätten davon abgesehen, auf das Objekt zu schießen, da man einen Absturz über dem Gelände vermeiden wollte. Anschließend sei die Drohne neun Kilometer lang verfolgt worden, was auf Grund der Beleuchtung des Objekts kein Problem gewesen sei. Dann hätte das Objekt an Flughöhe verloren und sei außer Sicht geraten (Quelle: La Dépêche du Midi).

Doch in allen anderen Fällen schweigen sich Sicherheitsbehörden und Kraftwerksbetreiber EDF über das genaue Aussehen der „Drohnen“ aus. Den jeweils relativ versteckt auf der Webseite des Atommeiler-Betreibers EDF veröffentlichten Pressemitteilungen ist lediglich zu entnehmen, dass es sich in allen Fällen um ein „mit einer Drohne vergleichbares Fluggerät“ gehandelt habe. Doch warum nennt EDF das Kind nicht beim Namen? Schon im Januar, als der Luftverkehr am Bremer Flughafen mehrere Stunden durch eine seltsame Erscheinung lahm gelegt worden war, bezeichnete die Polizei das Fluggerät von Anfang an als „Drohne“ – doch die Ermittlungen in der Szene der Kopterpiloten verliefen im Sande – der Vorfall wurde nie vollständig aufgeklärt.

Mit Kanonen auf Spatzen schießen

Alles was wir von offizieller Seite erfahren dürfen ist, dass die „Drohnen“-Überflüge keine Gefahr für die Sicherheit der Anlagen darstellen. Doch insgeheim hat die französische Armee schwere Geschütze aufgefahren, um der Eindringlinge im gesperrten Luftraum Herr zu werden.

Seit dem 30. Oktober bewachen zwei der 19 Kampfhubschrauber des 5. Geschwaders von Pau den Luftraum des Atomkraftwerks Golfech, meldet La Dépêche du Midi unter Berufung auf Militärinsider. Die Gendarmerie wolle diese vertrauliche Militärinformation weder bestätigen noch dementieren. Wie die Sicherheitsvorkehrungen an anderen Standorten aussehen, ist unbekannt.

Das Szenario „Kampfhubschrauber gegen Drohne“ wirkt so, als wolle man mit Kanonen auf Spatzen schießen – es sei denn, die Öffentlichkeit wäre über die wahre Natur der unbekannten Flugobjekte getäuscht worden und die „Drohnen“ wären alles andere als „Drohnen“.

Aber das ist – bislang jedenfalls – nur reinste Spekulation.

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